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Die armen Menschen von Cape Coral

December 12, 2008

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Region im Niedergang: Tausende Menschen in Florida warten auf die Räumungsklage. Derweil erwerben Ausländer die verlassenen Häuser.

Von Moritz Koch, New York

 

Südwest-Florida steht unter Wasser. Man liest darüber in Zeitungen und Magazinen, hört davon im Fernsehen und im Radio. Aber man sieht nichts. Kein Sturm hat diese Flut verursacht, kein Hurrikan, der über den Golf von Mexiko gefegt ist, sondern billiges Geld und sorglose Banken. Im Jargon der Finanzkrise heißt “unter Wasser”, dass die Hypothek auf ein Haus dessen Wert übersteigt. Und in Kleinstädten wie Cape Coral gibt es kaum einen Straßenzug, wo dieser Deich nicht längst gebrochen wäre. Etwa 50 Prozent aller Immobilien sind weniger wert als der Kredit, der auf ihnen lastet.

 

Im gleichmäßigen Abstand säumen einstöckige Häuser schnurgerade Straßen. Kaum mehr als Betonschalen sind sie, innen unterteilt mit Trockenputz-Wänden, außen umgeben von vertrockneten Vorgärten. An den Zufahrten zur Garage stehen die typisch amerikanischen Briefkästen, röhrenförmig mit einem roten Plastikfähnchen, und oft steht das Schild gleich daneben, das inzwischen fast genauso typisch ist: For Sale.

 

Keimzellen der Krise

 

Überall in Cape Coral ist es das gleiche Bild. Der Ort hat kein Zentrum und will kein Ende nehmen. Genau wie der Abschwung. Er bedroht Stahlarbeiter in China und Chipproduzenten in Ostdeutschland, Oligarchen in Russland und Tagelöhner in Mexiko. Doch verfolgt man den ökonomischen Seuchenzug zurück, gelangt man hierher, in Regionen wie Lee County und Kleinstädte wie Cape Coral. Sie waren die Keimzellen dessen, was Volkswirte die Jahrhundertkrise nennen.

 

 

Seit über 60 Tagen bedienen die Blankenbuehlers ihre Hypothek nicht mehr. Jeden Tag könnte die Räumungsklage im Briefkasten liegen. So geht es Tausenden in Cape Coral, Hunderttausenden in ganz Amerika. Normalerweise ist es eine Frage von Wochen, bis die Banken säumige Schuldner aus ihren Häusern vertreiben. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten. Die Banken lassen sich Zeit. Damit die Preise nicht noch tiefer stürzen, halten sie Immobilien vom Markt fern. Zahlungsunfähige Familien bekommen so eine unverhoffte Gnadenfrist.

 

Doch nicht alle haben dieses Glück. Allein im Oktober wurden in Lee County mehr als 2600 Häuser zwangsweise ge-räumt. Dieses hier zum Beispiel: Tropi-cana Parkway East, Hausnummer 121, drei Schlafzimmer, gebaut 2006, verkauft für 226.000 Dollar, heute auf dem Markt für 54.000 Dollar. Während die Immobilienpreise abstürzten, sprang die Arbeitslosenquote von 5,7 auf 9,2 Prozent und zählt nun zu den höchsten in den USA. Gleichzeitig häuften sich die Verbrechen. Einige verlassene Häuser wurden von Gangs in Beschlag genommen. Andere werden von Kriminellen ahnungslosen Mietern angeboten. Und hinter etlichen vernagelten Garagentoren florieren Marihuana-Plantagen im künstlichen UV-Licht.

 

“Finanzielle Innovationen”

 

Wie aber konnte aus dem Siechtum der amerikanischen Provinz eine globale Seuche werden? Die Antwort führt nach Norden, an die Wall Street. Um ausländische Investoren ins Land zu locken, ließen sich Banker in New York “finanzielle Innovationen” einfallen. Die USA sind auf Kapitalzuflüsse angewiesen, weil die eigenen Bürger mehr kaufen, als sie verdienen. Besonders gut liefen komplizierte Anlagen, deren Ertragsströme Hypothekenzahlungen entsprangen.

 

 

Das System funktionierte so: Hypothekenbanken verkauften ihre Kredite an Investmentbanken, die sie bündelten, nach Risikoklassen sortierten und als Wertpapiere Investoren in aller Welt andrehten.

 

Dahinter stand die Wette, dass die Immobilienpreise in Amerika weiter steigen würden. Denn solange die Häuser an Wert gewannen, waren Zahlungsausfälle selten. Wer sich sein Haus nicht mehr leisten konnte, verkaufte es einfach und zahlte der Bank den Kredit zurück.

 

Seltene Hoffnungsschimmer

 

Obskur sind schon die Namen der Wertpapiere, die an der Wall Street fabriziert wurden. Eines von ihnen heißt Ixis 2006-He2. Es setzt sich hauptsächlich aus Grundbesitz in Kalifornien, Florida und Illinois zusammen. Auch ein Haus in Cape Coral befindet sich darunter. Es steht im Norden der Stadt, Brooks Road 142, und ist inzwischen zwangsgeräumt. Als 2006 die Preise zu fallen begannen, wurden mehr und mehr Hypotheken faul. Die Wertpapiere fanden keine Käufer mehr. 2007 verbuchten die ersten Banken Milliardenverluste. Im September 2008 kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers und riss die amerikanische Konjunktur mit sich. Europäer und Asiaten verloren schlagartig ihren wichtigsten Absatzmarkt. Wirtschaftsexperten sind sich einig: Solange sich die Häuserpreise nicht stabilisieren, ist keine Besserung in Sicht.

 

Hoffnungsschimmer sind selten dieser Tage. Aber zumindest in Cape Coral kommt der Markt langsam wieder in Bewegung. Die Zahl der Käufer steigt. Sie kommen jetzt seltener aus Ohio oder Michigan, dafür öfter aus Deutschland. Wie die Bauers. Ein Haus mit Schwimmbad haben sie gekauft, direkt von der Bank, mit Blick auf einen braunen Brackwasserkanal. “Herrlich hier.” Matthias nippt an seinem Kaffee. “Nachts hört man die Frösche quaken.” Vor ein paar Jahren hat er sein Autohaus verkauft. Nun will er es sich gut gehen lassen. “Wenn es heiß wird, bekomm ich mein Essen an den Pool serviert”, sagt er. “Ja, ja”, sagt Gaby, seine Frau.

 

Einige Makler berichten, dass inzwischen fast die Hälfte ihrer Käufer aus Europa kommen. Die enormen Preisabschläge und der weiterhin recht günstige Dollar haben ein Ferienhaus in Florida erschwinglich werden lassen. Es ist ein Traum für die Bauers und ein Grauen für die Blankenbuehlers. Die Handelskammer von Cape Coral schätzt, dass es noch mindestens 18 Monate dauern wird, bevor so viele leere Häuser verkauft sind, dass die Preise wieder steigen. Erst dann wird der Schuldenpegel sinken, im überfluteten Südwesten Floridas.

 

Source: http://www.SueddeutscheZeitung.de

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